Schlagwort-Archive: Teilnehmende Medienbeobachtung

Ja! Es tut weh! Alles, was sie schon immer über Tätowierungen wissen wollten

Jeder Zehnte ist heute tätowiert. Tätowierungen sind alltäglich. Dennoch kursieren viele Klischees und Vorurteile über Tätowierte. Haben Tattoos nur Häfenbrüder? Haben Tätowierte mehr Sex? Machen Tattoos krank? Tut das nicht weh? Und: Wer tut sich das an?
Ziel des Vortrages ist es, mit Klischees aufzuräumen.

Termine: Fr 1x; 19.01.2012; 19–21 Uhr

VHS Alsergrund, Währing, Döbling

Kurs-Nr. 3551310 | Fr 1x; 19.01.2012; 19–21 Uhr | 2 UE |  8 € |
Mindest-TeilnehmerInnenzahl: 8 | Volksheim Heiligenstadt, 1190, Heiligenstädter Str. 155


Die Kannibalen, das sind immer die Anderen

Menschenfresser sind immer irgendwo anders. Menschenfresser, das sind immer die anderen. Sie sind gut für die Auflage. Menschenfresser lassen uns schaudern. Sie rühren an unseren schlimmsten Ängsten. Sie sind fast zu schaurig, um wahr zu sein. Doch jeder Kannibale hat auch seine gute Seite: Er erhöht die Auflage, steigert die Quote – und verkauft. Sex sells. Kannibalen ebenso. Gibt es keine Kannibalen, werden sie eben gemacht. Besonders der Boulevard-Journalismus liebt seine Kannibalen.

Der deutsche Weltumsegler Stefan R. wurde dadurch gleich zwei mal zum Opfer gemacht. Er wurde im Oktober auf Nuku Hiva, einem Teil der Marquesas-Inseln in Französisch-Polynesien, ermordet. Hinter diesem Kriminalfall steckt noch ein zweiter: Nach seiner Ermordung stürzten sich nationale und internationale Medien auf den Ermordeten und weideten ihn noch einmal aus. Sie stellten Rs Ermordung als grausamen kannibalistischen Akt und perversen Mord dar. Stefan R, seine Familie und die Einwohner von Nuku Hiva sind damit auch zu Opfern geworden.

Wie genau Stefan R. ermordet wurde, ist bisher nicht bekannt. Fest steht: Er ging mit dem Hauptverdächtigen Henri H. auf Ziegenjagd. Er wurde dabei umgebracht. Seine Leiche wurde verbrannt. Gemeinsam mit einem oder mehreren Tierkadavern fand man seine Überreste in den Resten eines Feuers. Der (mutmaßliche) Täter Henri H. versuchte wohl die Leiche zu beseitigen. Laut der Aussage von Heike D., der Lebensgefährtin des Opfers, wollte der Täter sie anschließend in den Wald locken und vergewaltigen. H. floh in die Wälder. Die Polizei sucht ihn. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass der Täter Stefan R. in irgendeiner Form gegessen hat. Noch nicht mal für kleine Naschereien von der Leiche des Ermordeten gibt es Indizien. Macht nichts. Kann man erfinden.

mehr im Augustin # 311 – 01/2012


Tattoo ohne Eigenschaften. Zum Peckerl-Klischee

In Berlin wird der Halleiner Tätowierer Raoul S. ermordet. Die längste Zeit im Juli heisst es in der deutschen und österreichischen Presse, dass Rocker ihn vermutlich umgebracht haben. Warum? Irgendwo in der Nähe ist ein Rocker-Club – und Raoul S. war Tätowierer. Schließlich haben Rocker viele Tattoos. Rocker sind außerdem nicht als Friendensengel bekannt, das heißt: Der Mörder wird ein Rocker gewesen sein. War es aber nicht.

Schauplatzwechsel: Ende Mai stürmen mehrere Hundert vermummte Rapid-Hooligans das Spielfeld beim Wiener Stadtderby. In den nächsten Tagen sind vor allem drei, vier von ihnen in den Medien: die stark Tätowierten. Ein stark tätowierter, angeblich griechischer Hooligan, der „Tattoo-Grieche“, wie ihn der Boulevard getauft hatte, wurde sogar zum „Star“ der meisten Zeitungen. Er war jedoch nur einer von mehreren hundert Hooligans. Einige Zeit später im Kärnten. Der weltanschaulich verhaltensoriginelle FPK-Gemeinderat Gerry Leitmann aus Ebenthal bei Klagenfurt trägt seine Gesinnung auf der Haut: „Blut und Ehre“. Ein altbewährtes Motto mit langer Tradition. Sowohl die Hitlerjugend als auch der Chefideologe der Nazis, Alfred Rosenberg, wussten das Motto schon zu schätzen. Der Boulevard auch. Zum Glück für Leitmann lässt sich Gesinnung weglasern.

Wiederbetätigung mit Hilfe von „Peckerln“ war es auch, die das Thema zwei weitere male in die Medien brachten. Hakenkreuz-Tattoos bleiben anscheinend immer en vogue. Wieder stehen die Tattoos mit Verbrechen in Verbindung. Ansonsten sind Tätowierte kaum Thema in den österreichischen Medien. Wenn überhaupt landen sie als Freaks mit skurrilen Tattoos in der Abteilung für „Kurioses“. Manchmal, wie im „Kurier“ mit einer netten Foto-Show unter dem Titel „Tattoos, die die Welt nicht sehen will“. Dazu kommen tätowierte Models und Stars: Ben Becker lässt sich „Disneyworld“ und Angelina Jolie den Namen ihres jüngsten Kindes tätowieren. Jesse James, der Ex von Sandra Bullock, wurde von Star-Tätowiererin Kat von D verlassen. Wenn das nicht reicht, werden von „Krone“ bis „Presse“ im Sommerloch gelegentlich die Tattoo-Entfernungen und „Autolack-Tattoos“ herausgekramt. Nicht immer geben „Kuh Yvonne“ oder „Wiens schlimmsten Baustellen“ genug her.

Wenn man österreichische Medien liest, gewinnt man den Eindruck, dass Tätowierte entweder Verbrecher, Proleten oder Stars sind. Bis auf wenige Ausnahmen werden nur Klischees und Vorurteile heruntergebetet. Gelegentlich werden Tattoos positiv dargestellt: Wenn Brüste oder Stars tätowiert sind. Noch besser ist die Kombination von beiden. In den meisten anderen Fällen, werden Tätowierte mit Kriminalität in Verbindung gebracht, als „Freak“ oder zumindest als Prolet abgestempelt.

Der ermordete Tätowierer Raoul S. hatte doppelt Pech: Er wurde nicht nur ermordet, sondern gleich in Verbindung mit Kriminellen gebracht. Der Platzsturm im Wien-Derby von Ende Mai jedoch hat dieses Schema noch einmal besonders deutlich gemacht: Der tätowierte Hooligan, der „Tattoo-Grieche“ oder das „Fußball-Monster“, wie ihn „Heute“ getauft hat, wurde zum negativen Tattoo-Coverboy gemacht.

Die meisten Tätowierten sind keine Verbrecher, sondern einfach Durchschnitt. Tätowierungen sind in den meisten Ländern nichts außergewöhnliches mehr. Es gibt „Haar-Tattoos“, „Bio-Tattoos“, „Toiletten-Tattoos“, Tattoo-Barbie und Tattoo-Ken. Tattoo Conventions boomen. Sie werden familientauglich und Tattoo-Artist Kat von D etwa tritt sogar bei „Wetten, dass ..?“ auf. Selbst ATV hatte mit „Schöne Schmerzen“ seine eigene Tattoo-„Doku“. Das alles kann man beurteilen, wie man möchte.

Tatsache ist: Tattoos waren und sind oft ein Teil von Subkulturen. Tatsache ist aber auch: Tattoos werden mehr. Ihre Verbreitung steigt. Das wird durch zahlreiche Studien belegt. Bei Männern zwischen 25 und 34 sind mittlerweilen schon 26%, bei Frauen 25,5%, tätowiert. Insgesamt dürfte im deutschsprachigen Raum jeder Zehnte oder Zwölfte tätowiert sein. Verwundern werden diese Ergebnisse niemanden.

Die Gründe für diesen Boom sind vielfältig:

Auf der einen Seite sind es etwa immer bessere TätowiererInnen, die oft künstlerischen Background haben. Zum Teil entwickeln sie eigene Kunststile – mit der Haut als Medium. Dazu kommen neue und bessere Technik und Farben (die gibt es auch ganz ohne Autolacke!). Auf der anderen Seite sind es viele psychologische Gründe: Kommunikation, Selbstwertgewinn, Rebellion, Spiritualität, Gruppenzugehörigkeit und -abgrenzung, aber auch Erinnerungen (wie etwa an Geburte oder als Andenken an Verstorbene) oder die Sehnsucht etwas Dauerhaftes zu schaffen (Partnerschaft etc.). Andere Gründe sind Schönheitstrends und -zwänge, eine Pseudo-Individualität innerhalb der breiten Masse – und natürlich die leichte Verfügbarkeit. Die Stars machen es vor. Die Menge macht es nach. Was bei Angelina, Britney etc. gut aussieht, sieht auch bei anderen gut aus.

Tätowierte sind einfach Tätowierte. Es gibt sie überall. Manche von ihnen laufen eventuell gedankenlos irgendwelchen Stars hinterher, andere sind vielleicht „Häfenbrüder“. Für wieder andere ist es Kunst oder Körperkunst etc. Viele haben „Peckerln“. Ob es die deutsche Bundespräsidenten-Gattin, Ben Becker, Angelina Jolie, die Verkäuferin im Supermarkt, Rocker oder eben tätowierte „Fußball-Monster“ sind. Auch das beweisen viele Studien. Die meisten Tätowierten sind auch keine Gewalttäter oder Verbrecher Tätowierte sind Durchschnitt. Deshalb sind Tattoos ein durchschnittliches Thema von vielen – nicht mehr und nicht weniger. Einige Studien zeigen: Tätowierte haben noch nicht einmal mehr Sex. Selbst das ist nur ein Klischee für „Seite 3“.

Igor Eberhard

Erschienen als Titelgeschichte im “Augustin” (#304;  7.9-20.9.2011)

Foto: Klaus Pichler: “Fürs Leben gezeichnet” (Fotohof edition, 2011)


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