der polarforscher …

… stehe auf, unsicher, verlasse meinen Platz und gehe zum Ausgang. Ich greife nach jedem der Haltegriffe auf dem Weg zur Tür..
Ich werde dabei kleiner. Meine Wirbelsäule ist eine Kolonie von Staatsquallen in einem Ozean von Fleisch, schwitzendem Fleisch, und Blut.
Meine schweren Stiefel, die mir Halt geben sollten, lassen sich nicht mehr bewegen. Jeder Schritt in dieser Schwere will genau geplant sein. Ein kleiner Schritt für mich,…
Unsicher, tastend setze ich einen Fuß, einen Schritt, vor dem anderen, nach dem nächsten.
Ich, ein Taucher, in den unterirdischen – unirdischen? – Kanälen der Stadt.
Ich kann mich, mir gut vorstellen (den Blick in Spiegel vermeide ich schon seit längerer Zeit):
Ich, blauer Regenmantel, dunkel, Mütze, tief im Gesicht. (Niemand hat das Recht meine Augen zu sehen! NIEMAND! NIEMAND!) Schwimmflossen an den Füßen. Springen vom Rand eines Beckens ins kloakenklare Wasser.
Nein. Mir läuft kein Wasser über den Rücken. Es ist Schweiß. Der rinnt und rinnt. Schweiß.
Hält die U-Bahn reiße ich mit einem Ruck die Türen auf.
Manchmal geht es nicht gleich, dann gleiten meine schweißfeuchten Finger von den Griffen ab. Unfähig, die Türen zu öffnen. Nur der Schweiß läuft aus den offenen Poren.
Irgendwann gelingt es mir, die Türen zu öffnen oder ein Passsagier entreißt mir die Griffe mit ungeduldigem, verächtlichem Blick.
Schnell. Schnell verlasse ich die U-Bahn. Ich laufe. Und mit mir der Schweiß.
Laufe und die Menschen starren mich an. Sie sehen den Schweiß, während er aus meinen Achselhöhlen quillt.
Dann stelle ich mich auf eine Rolltreppe nach oben. Und wieder starren sie, starren mich an, warum starren sie mich an. Ich muß laufen, muß nach oben. Die mechanischen Augen der Kameras starren mich an, jagen mich, jagen mir kalten Schweiß über den Rücken.
Sie verfolgen MICH. Es sind nur ganz kleine, ruckartige Bewegungen. Aber ich sehe sie. Mir entgeht das nicht. Mir entgeht das nicht. Unauffällig -ha, unauffällig!- folgen sie mir. Warten darauf, daß ich endlich eine Pistole ziehe und um mich schieße. Doch den Gefallen tue ich ihnen nicht. Das werde ich nicht tun. Ich habe keine Pistole. Ich schwitze nur. Im Schatten der Wände gehe ich, weiter, unbemerkt, wie ich hoffe. Ich folge dem Faden der Wände zum Ausgang.
Den Blicken weiche ich aus, den Blicken. Dem Schweiß kann ich nicht ausweichen.
Wenn ich Zuhause bin, setze ich mich schweratmend an den Schreibtisch. Komme zu Ruhe.
Oft halte ich mich an der Tischplatte fest. Es könnte sonst sein, daß ich falle. Wenn die Wände weiter so zittern, macht mich nervös, nervös.
Meine Finger ziehen feuchte Schleifspuren über den Tisch. Es soll still sein. Es soll still sein.
Nur das Blut in meinem Schädel darf noch mit dem Raunen spielen. Und der Schweiß rinnt.
Nach etwa zehn Minuten werde ich aufstehen und zu dem alten Fernsehgerät gehen. Ich werde es anschalten und laufenlassen.
Ich setze mich dann auf das Bett, lehne mich mit dem Rücken gegen die Wand und werde bei vollem Bewußtsein fernsehen. Dem Programm schenke ich dabei die Freiheit. Es wird mich nicht sehen und es wird mich nicht berühren.
Es wird seine Geschichten erzählen.
Ich werde schauen, nicht starren.

Advertisements