Wissenswertes über den Tellerrand hinaus: Das neue Lexikon zur Soziologie. Rezension

Es soll noch immer Sozialwissenschaftler geben, die den Blick nicht über den eigenen Tellerrand hinaus wagen. Nur die „Suppe“ der eigenen kleinen Disziplin soll – im wahrsten Sinne des Wortes – ausgelöffelt werden. Und nichts Anderes steht zum Verzehr bereit oder ist im „Speiseplan“ vorgesehen. Diese Ansichten wirken zum Glück für viele Wissenschaftler mittlerweile eher „jenseitig“ (wieder im wörtlichen Sinn), dank der auch von Politik und Geldgebern gerne geforderten Interdisziplinarität.

Die gegenseitige Befruchtung und Bereicherung vor allem der sozialwissenschaftlichen Disziplinen untereinander gedeiht. Kaum eine Wissenschaft kann noch ohne die andere auskommen. Methoden, Theorien, praktische Forschungsarbeiten und sogar Themenfelder (wie zum Beispiel Migration, Subkulturen) greifen ineinander und verschränken sich. Dies führt zu der von Clifford Geertz geforderten „Erweiterung des Diskursuniversums“ als Ziel (vor allem) der  Sozialwissenschaften. Um sich Miteinander auszutauschen und zu arbeiten ist gegenseitiges Kennenlernen nötig, das Verstehen erst ermöglicht.

Eine günstige Gelegenheit dafür bietet das „Lexikon zur Soziologie“, das von Werner Fuchs-Heinritz, Rüdiger Lautmann, Otthein Rammstedt und Hanns Wienold herausgegeben wurde. Erschienen ist es im renommierten, vor allem auf soziologische Themen spezialisierten, VS-Verlag.

Es ist das umfassendste soziologische Nachschlagewerk im deutschsprachigen Raum. Für die vorliegende, vierte Ausgabe wurde es grundlegend überarbeitet, erweitert und ergänzt. Es bietet zahlreiche Stichworte aus der Soziologie und ihren unterschiedlichen Fachbereichen sowie – in geringerem Umfang – aus Nachbardisziplinen. Die Geschichte der Soziologie, ihre Strömungen, die wichtigsten Vertreter, Theorien, Methoden, Anwendungsgebiete etc werden prägnant, lesbar und – am wichtigsten – fundiert erklärt. Ergänzt wird das „Lexikon zur Soziologie“ durch die Erklärung zahlreicher Fachbegriffe aus Sozialphilosophie, Politikwissenschaft, Kultur-/Sozialanthropologie (natürlich nur im Ansatz) und Politischer Ökonomie, Sozialpsychologie, Psychologie, Ethologie, Wissenschaftstheorie und Statistik.

Das Lexikon liefert Informationen, wie es „Wikipedia“ und Co oft nicht können. Umfassender, qualifizierter als die Netz-Konkurrenten ist dieses Handbuch allemal. Der scheinbare „Geschwindigkeitsgewinn“ durch gegoogelte oder ersurfte „Infos“ verblasst oft, so auch hier, gegenüber gehaltvoller, präziser Wissens-Arbeit.

Das „Lexikon zur Soziologie“ wird deshalb gebraucht, auch für Kultur-/Sozialanthropologen.

Igor Eberhard

Fuchs-Heinritz, Werner / Lautmann, Rüdiger / Rammstedt, Otthein / Wienold, Hanns (Hg.): Lexikon zur Soziologie. 4., grundlegend überarbeitet Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2007. (Neuauflage 2010 erschienen)

748 S. ISBN: 978-3-531-15573-9

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