Zwischen „Kopftuchmädchen“ und „Bettelmafia“. Schreiben gegen Windmühlen?

Als Don Quijote mit seinem Knappen Sancho Pansa durch die Landschaft ritt, entdeckte er in der Ferne Riesen, die die Menschen bedrohten. Daraufhin ergriff er seine Lanze und griff sie an. Wie sich herausstellte, waren die Riesen Windmühlen …

Uns, der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb) geht es ähnlich: Nur sind die Windmühlen Riesen und nicht umgekehrt …

Wir sind keine „Ritter von der traurigen Gestalt“, sondern eine Initiative aus Studierenden, LektorInnen und AbsolventInnen der Kultur- und Sozialanthropologie, die den fast aussichtslosen Kampf gegen die gefährliche „Riesen“ aufgenommen haben, die die Menschen bedrohen: gegen die Medien. Oder genauer gesagt: Wir wenden uns nicht gegen die Medien an und für sich, sondern gegen die oft rassistische, sexistische, exotisierende und alles in allem diskriminierende Berichterstattung .

Gerade bei den Themen Rassismus, Migration, Sexismus, Exotismus ist die Kultur- und Sozialanthropologie gefragt. Deshalb wollen wir – die Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung ‑ hier aktiv werden. Unsere Initiative wurde 2009 gegründet. Mindestens alle zwei Wochen, bei Bedarf auch öfter, werden Beiträge zu verschiedenen Themen gestaltet, die auf unserem Weblog veröffentlicht und den jeweiligen Medien als LeserInnenbriefe bzw. Gastkommentar zugesandt werden. Unser Ziel ist es, Medien kritisch zu beobachten, zu hinterfragen, zu kommentieren bzw. zu ergänzen.

Dadurch möchten wir problematische Medieninhalte nicht nur innerhalb eines akademischen Rahmens diskutieren, sondern direkt im öffentlichen Diskurs sichtbar machen. Wir wollen über die Redaktionen, die Bevölkerung direkt erreichen. Auch wenn die LeserInnenbriefe nicht immer gedruckt werden – in den Redaktionsstuben werden sie sehr wohl diskutiert, so hoffen wir.

 

Wenn man sich die Wahlkämpfe der letzten Jahre betrachtet, gibt es vor allem ein Thema: Integration, Migration und noch schlimmer „DIE Ausländer“. Die österreichischen Medien springen zum Teil auf diesen Zug auf. Nationalität, kulturelle Herkunft und religiöse Zugehörigkeit werden auffällig oft mit Kriminalberichterstattung und lokalem Geschehen im negativen Sinne gekoppelt. Es gibt es immer wieder und mit (un)schöner Regelmäßigkeit in der Berichterstattung rassistische, sexistische, exotisierende und allgemein diskriminierende Berichte. Das betrifft sowohl Boulevardzeitungen als auch so genannte „Qualitätsmedien. Die Anzahl dieser einseitigen Berichte ist groß. Viele werden einfach stillschweigend akzeptiert und auch oft kaum in Frage gestellt. Vor allem der Boulevard greift Minderheiten oft mit einer regelrechten „Sprache der Gewalt“ an. Neben „Ostbanden“, „Kopftuchmädchen“ oder „Drogenafrikanern“, sind Studierende „Plagen“, Menschen im sozialen Abseits sind „Sozialschmarotzer“ und Bettler? BettlerInnen sind sowieso der Feind des „ordentlichen“ Österreichs per se. Und dazu noch durch die allmächtige ausländische „Bettelmafia“ gesteuert und ausgebeutet …

 

Laut österreichischer Medien-Analyse verbringen Herr und Frau Durchschnittsösterreicher im Schnitt acht Stunden täglich mit Mediennutzung – egal ob Radio, TV, Internet oder Zeitung. Alleine die „Krone“ hat im Schnitt eine tägliche Reichweite von ca. 40% der Bevölkerung hat. Mindestens drei Millionen Menschen konsumieren also die Informationen und Meinungen dieses Blattes und setzen sich täglich dieser „Sprache der Gewalt“ aus. Heraus kommt dann beispielsweise: „Täterbeschreibung in allen drei Fällen: ein bis zwei Schwarzafrikaner, Mitte 20, ansonsten unauffällig.“ (Krone, 10.03.2005) Dank „Wolf Martin („In den Wind gereimt“) und den Kolumnen von Richard Nimmerrichter („Staberl“) ist immerhin der „Wahrheitsbeweis geglückt“: Wie Hans Rauscher und „Der Standard“ schon 2004 ausprozessiert haben: Die „Krone“ repräsentiert tatsächlich „rassistische und antisemitische Untertöne“.

Doch die „Krone“ ist nur die (breite) Spitze des Eisbergs. Ähnliche Vorurteile und Diskriminierungen gibt es in den meisten anderen Medien. Es gibt weitaus mehr „Riesen“ als nur die „Krone“. Auch etwa in „Standard“, „Presse“, „Profil“ oder „Wiener Zeitung“ gibt es unserer Meinung nach und auf dem Blog nachlesbar kritisierenswürdige Beiträge.

 

Bisher sind 17 Blogeinträge zu verschiedenen Themen, wie etwa der Angst vor dem Islam, diffamierenden Begriffen, typischen Stereotype zu Traditionen und Ansichten über „Parallelgesellschaften“ erschienen. Nachzulesen ist das auf unserem Blog unter www. univie.ac.at/tmb, auf Facebook, als RSS-Feed oder Emailabo (Registrierung auf dem Blog).

Wir freuen uns auch über weitere MitstreiterInnen mit kultur- und sozialanthropologischem Background. Auch wenn jemand nicht mitarbeiten möchte, aber einen problematischen oder besonders positiven Medienbeitrag gefunden hat, freuen wir uns über ein Mail mit dem Hinweis darauf an unsere Mailadresse tmb.ksa@univie.ac.at.

Windmühlen kann man nicht besiegen, Riesen wahrscheinlich auch nicht. Aber man kann versuchen, ihre Macht einzuschränken.

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