Ausstellung „Gestochen Scharf. Tätowierungen in der Kunst“ (Pressetext) – Katalog mit Beiträgen von mir

: Als soziale Codes sind sie fast so alt wie die Menschheit selbst: Tätowierungen. Vielfältige, über
den ganzen Erdball verstreute Hinweise bekräftigen die Vermutung, dass sich die Sitte des Tätowierens
seit dem 5. Jahrtausend vor Christus als Zeichen einer Gruppenzugehörigkeit oder als
rituelles Symbol in den Völkern gänzlich unabhängig voneinander entwickelt hat.
In manchen Kulturen erreichte die Kunst des unauslöschlichen
Körperschmucks hohe Meisterschaft. Im 19. Jahrhundert wurde das
Tätowieren schließlich auch in Europa zu einem Massenphänomen. Doch
bald wurden Tätowierte an den sozialen Rand gedrängt, als Verbrecher oder
Degenerierte stigmatisiert. So erlebte die Tätowierung allein in den
Gefängnissen eine Blütezeit bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg. Erst
Jugendkulturen wie die Punks brachten das Tattoo seit den 1970er Jahren
wieder zurück in die Öffentlichkeit und begründeten damit einen wachsenden
Modetrend. Schon lange sind die Körperzeichnungen kein Phänomen der
Unterschicht und Außenseiter mehr. Heute dienen Tattoos als
Ausdrucksmöglichkeit für Exklusivität, Selbstdarstellung und Abgrenzung, als
erotischer Reiz, Schmuck, Protestsymbol oder lebensanschauliche Stellungnahme.
Auch für viele Bildende Künstlerinnen und Künstler birgt die Unauslöschlichkeit der Tätowierung
einen magischen Reiz. Die Haut des menschlichen oder tierischen Körpers wird zur Schreib- und
Malfläche. So entwickelten schon seit den 1920er Jahren deutsche Künstlerinnen und Künstler wie
Elfriede Lohse-Wächtler, Otto Dix, Otto Griebel, George Grosz oder Christian Schad eine leidenschaftliche
Begeisterung für das in die Haut eingeschriebene Bild- und Schriftzeichen. Erstmals
begriffen sie die Epidermis als lebendiges Pergament, als atmende Leinwand, in die das Tattoo
den grafischen Verfahren der Radierung oder des Holzschnitts vergleichbar eingestochen wird.
Mit der Entdeckung des Körpers als Träger einer Zeichensprache für individuelle Befindlichkeiten
und der damit verbundenen Entwicklung von Body Art, Performance und Konzeptkunst in den
1970er Jahren wurde die Tätowierung – als eine Möglichkeit der Körpermodifikation – endlich auch
zum künstlerischen Medium. So ließ sich die damals 30jährige VALIE EXPORT auf einer Bühne in
Frankfurt das Motiv eines Strumpfhalters auf den linken Oberschenkel tätowieren. Beispielhaft verkörpert
die öffentliche „Body Sign“- Aktion der österreichischen Künstlerin die Kompromisslosigkeit
ihrer feministischen Position: Der eigene Körper, jenes Produkt sozialer Einschreibungen, wird
schmerzhaft und unauslöschlich mit einem Fetisch männlicher Sexualphantasien gekennzeichnet,
um damit die funktionalisierte Rolle der Frau als Lustobjekt und die soziale Dominanz des Mannes
zu reflektieren.
Ein knappes Jahr später ließ sich auch Timm Ulrichs tätowieren. Schon 1961 hatte er sich zum
ersten lebenden Kunstwerk erklärt und 1966 eine öffentliche Selbstausstellung organisiert. Folgerichtig
ließ er sich – als Kunstmarkt konformes Echtheitszertifikat seiner selbst – die eigene Signatur
samt Datierung auf den linken Oberarm stechen. Drei Jahre später lies er sich in Barcelona mit
einfachsten Mitteln eine Zielscheibe auf die Brust tätowierten. Doch das eindrücklichste Tattoo und
mithin auch eine seiner bekanntesten Arbeiten ist das Schriftbild, dass sich Timm Ulrichs am 16.
Mai 1981 von „Tattoo Samy“ Horst Heinrich Streckenbach auf das rechte Augenlid stechen ließ:
THE END ist hier in serifenlosen Versalien zu lesen sobald der Künstler das Auge schließt. Mit
seinen Tätowier-Aktionen vollzog Timm Ulrichs eine Annäherung an jene von ihm proklamierte
Totalkunst, die die Grenzen zwischen Person, Körper und Werk des Künstlers aufzulösen und mit
Widersinnigkeiten, Tautologien und einer poetisch gewendeten Metaphorik anzureichern sucht.
Wolfgang FLATZ fand in den 1980er Jahren zum Tattoo. Auf der Suche nach Ausdrucksformen
außerhalb der konventionellen Bildmittel erklärte auch er den Künstlerkörper zu einem unverzichtbaren
Teil seines Oeuvres, nutzte auch er Performance und Hautzeichnung als eine spektakuläre
und provokante Form des Aufbäumens gegen die durchstrukturierte Kulturindustrie. Als Schnitt-
Abb.: FLATZ _BARCODE – MUT TUT GUT_1984_2008_Farbfotografie auf Leinwand_Foto Yorck Dertinger_VG Bild-Kunst, Bonn 2013
stelle, an der Bilder nicht nur hervorgebracht und rezipiert werden, diente und dient ihm noch heute
der eigene Leib als Medium und Bild im materiellen, anatomischen und gesellschaftlichen Sinne.
FLATZ durchlebte in seiner leibhaftigen Kunst den Schmerz als wichtigen Teil des Ich-Empfindens
und Akt der Befreiung. 1985 signierte er sich selbst als lebende Skulptur durch ein Tattoo auf dem
linken Schulterblatt. Er ergänzte das Autogramm drei Jahre später durch einen Barcode den er
sich als digital lesbares Preisschild seiner selbst auf den linken Oberarm tätowieren ließ. Noch im
selben Jahr 1988 erduldete er die Skarifizierung seines Rückens. Über das Motiv einer überdimensionalen
Faust ließ er 1995 als großflächige Konturschrift den Werktitel „Physical Sculpture“
tätowieren.
Wim Delvoyes aufwändig verzierte Schweine unterwandern mit dem Charme des Absurden jene
Exklusivität, mit der der Mensch das Tattoo für sich als Körperschmuck beansprucht. Die tätowierten
Hausschweine, die er zwischen 2004 und 2008 auf seiner chinesischen „Art Farm“ in Yi Shu
Nong Chang unter Einsatz zahlreicher Profi-Tätowierer verschönern ließ, um sie später lebendig
oder ausgestopft im Museum auszustellen konterkarieren dabei die ambivalente Metaphorik des
Schweins als Zeichen von Glück und Wolllust. Wim Delvoyes aufwändig verzierte Haustiere unterwandern
mit dem Charme des Absurden jene Exklusivität, mit der der Mensch das Tattoo für
sich als Körperschmuck beansprucht.
Santiago Sierras „Tattooed Lines“ stehen hingegen für das Wertegefüge einer kapitalistischen
Gesellschaft und ihren relativen Umgang mit Entlohnung. Für 50 Dollar ließ sich der Proband eine
vertikale Linie auf den Rücken stechen. Bei der darauf folgenden Aktion in Havanna 1999 waren
es sechs arbeitslose junge Männern, die sich für je 30 Dollar eine waagrechte, kontinuierlich über
alle Rücken laufende Linie tätowieren ließen. Und wieder ein Jahr später tauschten vier heroinsüchtige
Prostituierte in Santiago Sierras vorerst letzter Tätowier-Aktion ihre Rückenflächen gegen
eine Dosis Heroin ein. Sie gemahnen lebenslänglich an den Selbstverkauf gegen eine sehr geringe,
aber aus der jeweiligen Lebenssituation heraus attraktive Bezahlung. Jenseits ästhetischer
Ergebnisorientierung sensibilisieren
Im Jahre 2004 hat sich Artur Zmijewski auf schonungslos provokante Art und Weise mit der Tätowierpraxis
in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern auseinandergesetzt. Sein Film
„80064“ zeigt den damals 92-jährigen Auschwitz-Überlebenden Josef Tarnawa, den der Künstler
zum Nachstechen seiner verblassten Lagernummer überreden konnte. Seine Videoarbeit polarisiert.
Einerseits wird Josef Tarnawa ein zweites Mal stigmatisiert, andererseits erlangt die Nummer
auf seinem linken Unterarm den Stellenwert eines historischen Mahnmals. Denn Artur Zmijewski
zufolge bewegt sich das aktive Erinnern heute oftmals in viel zu geordneten Bahnen.
Auch der kalifornische Bildhauer Chris Eckert hat sich mit jenen Identität stiftenden Tattoo-
Emblemen befasst, die einzelne Personen dauerhaft und mit allen Konsequenzen einer sozialen,
ethnischen oder religiösen Gruppe zuordnen. Mit seiner kinetische Skulptur, die nach dem Zufallsprinzip
freiwilligen Probanden ein religiöses Symbol auf den Arm zeichnet, hinterfragt Chris Eckert
die Relevanz einer klassifizierten Religionszugehörigkeit für das friedvolle Miteinander in einer globalisierten
Welt.
Die Entlarvung menschlicher Sehnsüchte und Idealbilder steht im Mittelpunkt der Arbeiten von
Daniele Buetti und Fumie Sasabuchi. Beide orientieren sich an idealen Körperbildern, wie sie
über die Werbung transportiert werden. Beide machen sich direkt an diesen Bildmotiven zu schaffen,
indem sie nicht auf die Körper selbst, sondern mittels eines Kugelschreibers auf deren Bilder
einwirken. Aus den Werbeanzeigen hochwertiger Modelabels bezieht Daniele Buetti die Körperbilder,
an denen er sich in einer Art digitalen plastischen Chirurgie zu schaffen macht. Wie Wundmale
tragen die Models die jeweiligen Labels direkt auf ihren makellosen Hautoberflächen. Und
tatsächlich erscheinen die Models durch die vernarbten Körperzeichnungen wie Konterkarikaturen
ihrer selbst.
Die Methode, mit der Fumie Sasabuchi gegensätzliche Wahrnehmungen aufeinanderprallen
lässt, erscheint noch eindringlicher. Auf die nackte Haut aus Modemagazinen entnommener zarten
Kinderkörper hat sie anatomisch täuschend echt erscheinende Irezumi-Tätowierungen appliziert,
deren Motivkanon dem traditionellen Körperschmuck und den Erkennungszeichen der japanischen
Mafia (Yakuza) entlehnt ist. Auch mit Ihren 50 cm hohen keramischen Playmobil-Männchen, die
sie mit farbenprächtigen Torso-Tätowierungen bemalt brandmarkt sie den westlichen Massenkonsums
mit mythischen Bildern der japanischen Kultur.
Mode und Tattoo, so unvereinbar ihre gegensätzlichen Eigenschaften des Wandelbaren und Unveränderlichen
sein mögen, verbindet der gemeinsame Gedanke des Körperschmucks als Ausdruck
von Individualität. Über viele Monate hat Nathini Erber Bilder und Geschichten von Menschen
gesammelt, die sich zur offenen Erinnerung an einen unwiederbringlichen Moment oder ein
unvergessliches Erlebnis in ihrem Leben tätowieren ließen. Beeindruckt von einem Aufenthalt in
Istanbul und der Bekanntschaft mit jungen, progressiven Türkinnen, die sich in den tradierten konventionellen
Hochzeitsroben ihrer Großmütter fotografiert ließen, begann Nathini Erber ihre gesammelten
Hautbilder auf weißen Baumwolltüll zu sticken, um daraus ein Brautkleid zu nähen
Denn viele Tattoos, denen sie in ihrer Recherche begegnet ist, handelten von romantischer, platonischer,
glücklicher oder tragischer Liebe. In einer Zeit der Unverbindlichkeiten erscheint das gestochene
Liebes-Mal als eine der letzten dauerhaft verpflichtenden Maßnahmen, um einen Menschen
buchstäblich für immer unter der Haut zu tragen.
Huang Yan begreift die unauslöschliche Prägung, die das kulturelle Erbe an einem Individuum
hinterlässt, im metaphorischen Sinne als Tätowierung. Seine Serie „Chinese Landscape – Tattoo“
besteht aus Fotografien von Oberkörpern und Armen des Künstlers in unterschiedlichen Posen,
eindrucksvoll von seiner Ehefrau Zhang Tiemei mit einer farbigen Landschaft bemalt. Diese Landschaft
ist vergänglich. Der Mensch als Subjekt und die Landschaft als Objekt verschmelzen auf der
lebendigen Leinwand Haut zu einer Einheit. Bild und Körper gehen eine unauflösliche Symbiose
ein – wie das Tattoo seit Jahrtausenden die Körper der Menschen schmückt.
Mit einem beinahe vergessenen, kulturhistorisch einzigartigen Anwendungsbereich der Tätowierung
hat sich auch Christian Dünow beschäftigt. In seiner filmischen Dokumentation hat er den
chronologischen Lebenslauf seiner Urgroßmutter skizziert, die Anfang des 20. Jahrhunderts unter
ihrem Künstlernamen „Maud Arizona“ mit ihrer Ganzkörper-Tätowierung öffentlich auftrat, und so
zu den berühmtesten tätowierten Wunder-Damen in Europa zählte und in den 1920er Jahren
mehrfach von Otto Dix porträtiert wurde.
Mehr als fünf Jahre lang hat der österreichische Fotograf Klaus Pichler rund 150 ehemalige Inhaftierte
porträtiert, die einen Ausschnitt aus dem Motivschatz der Gefängnistätowierungen präsentieren.
Im Mittelpunkt steht vor allem die Zeit der Hochblüte zwischen den 1950er und 80er Jahren
als das offiziell verbotene Tätowieren in den Haftanstalten Solidarität und Zugehörigkeit zur Unterwelt
symbolisierte. Hinter den Zeichnungen und Schriftbildern verbargen sich geheime Bedeutungen,
biografische Botschaften und persönliche Vorlieben. Als sichtbarer Akt der Rebellion berich
ten sie noch heute von einer gestalterischen Freiheit auf dem gefangen Körper.
In Abhängigkeit vom jeweiligen Kontext eröffnet die künstlerische Rezeption des Tattoos unterschiedliche
Erkenntnis, Wahrnehmungen und Assoziationsräume. Nach seinen Abbildern von lebenden
Modellen wandte sich Frank Schäpel vor einigen Jahren der Auseinandersetzung mit toten
Körperartefakten zu. Neben Schädeln, Organen und Föten malte er in direkter Ansicht, exakter
Lebensgröße und der (Nicht)Perspektive eines Scans tätowierte Hautstücke sowie einen Mokomokai,
einen mumifizierten Maori-Kopf, und verbindet so in seinen Gemälden mehrere Realitätsebenen
unterschiedlicher Lesbarkeit zusammen.
Der anhaltende Tattoo-Boom, der sich quer durch alle Bevölkerungsgruppen zieht, hat Kontext und
Kunstbegriff verändert und erweitert. Neue alte Stile wie das Moko der neuseeländischen Maori
oder das japanische Irezumi wurden (wieder)entdeckt und mit euro-amerikanischen Bildtraditionen
verknüpft. Die Szene und mit ihr die Studios haben sich ausdifferenziert. Immer wieder ist von Tattoo-
Künstlern zu lesen und zu hören – ambitionierten Tätowierern also, die keine herkömmlichen
Stanzen reproduzieren wollen. So zeigt die Ausstellung auch exemplarische Werke praktizierender
Tätowierer wie Luke Atkinson, Yann Black, Patrick Hüttlinger, Thomas (Tom) Grundmann,
Volker Kloth, Simone Pfaff & Volko Merschky und Berit Uhlhorn die neue Stilrichtungen entwickeln
und in einer Grenzüberschreitung auch als freie Maler, Graphiker oder Bildhauer auftreten,
um ihrer bildnerischen Ideen in anderen visuellen Medien fortsetzen zu können.
: Die Ausstellung wird durch ein von der Hoenes-Stiftung und der Museumsleiterin Dr. Stefanie
Dathe herausgegebnes Katalogbuch (Hardcover / 96 Seiten / 16 €) mit zahlreichen Abbildungen
und Texten von Stefanie Dathe, Igor Eberhard, Dirk-Boris Rödel und Peter Weibel, sowie einem
umfassenden Veranstaltungsprogramm begleitet.
Weitere Informationen finden Sie auch unter http://www.villa-rot.de.
Museum Villa Rot Öffnungszeiten :
Schlossweg 2 D-88483 Burgrieden-Rot Mi – Sa : 14 – 17 Uhr
T : + 49 (0) 73 92 / 83 35 I F : + 49 (0) 73 92 / 1 71 90 So u Ft : 11- 17 Uhr
info@villa-rot.de I http://www.villa-rot.de Cafe So u Ft : ab 14 Uhr

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